Rede zur Buchvorstellung "Speisen mit Lust"

Vorwort:
Marcel Reich-Ranicki sagte einmal im Literarischen Quartett:
„Ganz vortrefflich, wie subtil dieser begabte Autor hier die Erotik beschreibt; und nicht etwa mit dem Holzhammer, wie das bei vielen Literaten heutzutage so Usus ist.“ Darauf Sigrid Löffler: „Wie,  bitte schön, Herr Reich-Ranicki, geht Erotik mit dem Holzhammer?“

Meine sehr verehrten Damen und Herren!
Werte Locavoren!
Der Autor Klaus Münzenmaier präsentiert hier und heute sein neuestes Werk. Es ist das bislang vierte.
Schon bei der Vorankündigung war das Interesse an dem Kochbuch  für die sensualische Küche außerordentlich rege. So kamen aus dem Freundeskreis viele spontane Titelvorschläge wie zum Beispiel: What’s cookin‘ good lookin‘, Zimt und Sinnlichkeit oder In der Schürze liegt die Würze.
Das vorliegende neue Buch ist im Unterschied zu dem vorangegangenen kein Kinderbuch. Dieser Eindruck könnte indes beim flüchtigen Durchblättern entstehen, da auch dieses Werk wiederum vorzügliche Illustrationen namhafter Künstler enthält. Bei näherer Lektüre erkennt man aber sogleich, dass dieses Buch nicht in Kinderhände gehört.  Wenn man z.B. auf Seite 133 liest, dass die Förmchen bei 180 Grad 15 Minuten lang gebacken werden sollen, so richtet sich diese Anweisung natürlich nicht an unsere lieben Kleinen.

Dies hier ist nicht nur ein Kochbuch für bibliophile und sonstige Liebhaber. Es ist die enthusiastische Antwort auf die molekulare Küche.
Der Versuch, deren Elemente in die bayerische Küche einzupflanzen, hat bisher ja keinen merklichen Widerhall hervorgerufen.
Ich denke in diesem Zusammenhang vor allem an den Kartoffelknödel in der Form und Größe von Würfelzucker. Allerdings ist auch die Formulierung einer Antithese bislang ausgeblieben. Wer sich eine solche von den im Fernsehen auftretenden Klamauk-Bruzzlern erhofft hatte, sieht sich schwer enttäuscht. Bei ihnen haben nach wie vor der Ingwer und sein Spezi der Knoblauch die alleinige Dunsthoheit über den Terracotta-Fliesen.
Dank Klaus Münzenmaier ist endlich Bewegung in das Gewürzregal gekommen. Die neuen bösen Buben der Frankfurter Küche heißen Thymian, Safran, Majoran; flankiert von Muskat, Anis und Wacholder.  
Der betont vitale Ansatz konterkariert die molekulare Exkarnation. Auch unserem Autor ist es wichtig, dass die Chemie stimmt, allerdings in einem anderen, eher emotional-haptischen Sinne. Hier bildet der lustbetonte kulinarische Akt die Gegenposition zur strengen iberischen Kulinaristik.
Selbst wissenschaftlichen Ansprüchen wird dieses Buch durchaus gerecht. Ausweislich des Anhangs hat der Autor in einer klugen Auswahl der kaum mehr zu überblickenden Fachliteratur zu diesem ewig jungen Thema vor allem aktuelle Arbeiten aus den letzten zwei Jahrzehnten berücksichtigt.

Die darin diskutierten Aspekte zeigen, dass die wahre Bedeutung der hier erforschten direkten Interaktion eigentlich erst in jüngster Zeit so richtig erkannt wurde.
Überdies bietet der prall gefüllte Band auch ganz handfeste Ratschläge: Zum Beispiel die Ermahnung, nichts anbrennen zu lassen. Sie sollte unbedingt beherzigt werden; denn Gewürze nehmen leicht einen bitteren Geschmack an, wenn sie scharf angebraten werden.
Die hohe literarische Qualität der in diesem Werk erzählten Geschichten dürfte darauf zurückzuführen sein, dass unser Autor ein Semester Philosophie an der Sorbonne studiert hat. Mit seinem freimütigen Bekenntnis auf Seite 40 setzt er einen ganz überraschenden biographischen Akzent. Den wahrhaft Gebildeten unter Ihnen sei an dieser Stelle das Rezept Ravioli al Dante besonders empfohlen.
Das neue Buch eignet sich für Köche und Köchinnen jeglichen Temperaments; für den Escherndorfer Lump und die Hex vom Dasenstein ebenso wie für die Kaltenberger Kaltmamsell.

Meine sehr verehrten Damen und Herren!
Klaus Münzenmaier ist mit diesem gepfefferten Werk ein großer Wurf gelungen. Dessen sensualisches Potential geht über die Erotik eines Apfels im Schlafrock weit hinaus. Dieses Kochbuch sollte deshalb in keinem inspirierten Küchenschrank fehlen!
Bitte lassen Sie mich schließen mit einer altbekannten Küchenweisheit: Liebe geht durch den Magen. Es gibt aber noch einen kürzeren Weg.
Ich danke Ihnen.



ram.on-2012


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Speisen mit Lust